Zwei Tage zwischen schwarzen Klassikern, großer Hitze und noch größeren Shows
Wenn Anfang August wieder zehntausende schwarz gekleidete Menschen Richtung Hildesheim pilgern, kann das eigentlich nur eines bedeuten: Das M’era Luna ruft.
Am 8. und 9. August 2026 verwandelte sich der Flugplatz Drispenstedt erneut in eine der größten Zusammenkünfte der schwarzen Szene. Zwei Bühnen, ein umfangreiches Rahmenprogramm, Modenschau, Mittelaltermarkt und natürlich jede Menge Musik sorgten dafür, dass die beiden Festivaltage schneller vorbeigingen, als einem lieb sein konnte.
Eine positive Überraschung gab es diesmal schon vor dem eigentlichen Festival: die Anreise. Wer im vergangenen Jahr dabei war, erinnert sich vermutlich noch daran, dass die Fahrt zum Gelände durchaus Geduld erforderte. 2026 lief das aus unserer Sicht wesentlich besser. Die Verkehrsführung wirkte deutlich organisierter und insbesondere die Polizei vor Ort leistete ganze Arbeit dabei, die ankommenden Fahrzeuge vernünftig zu lotsen.
Wo Lob angebracht ist, darf man es schließlich auch aussprechen: Das war gegenüber dem Vorjahr eine deutliche Verbesserung.
Und warm war es. Sehr warm.
Bereits am Samstag brannte die Sonne ordentlich vom Himmel. Schwarze Kleidung und pralle Sommersonne sind bekanntlich nicht unbedingt die ideale Kombination. Aber deswegen auf ein Konzert verzichten? Natürlich nicht. Also Sonnencreme drauf, ausreichend trinken und ab vor die Bühne.
Schatten entwickelte sich entsprechend schnell zur begehrten Festivalwährung. Schattenplätze gab es zwar, nur waren die verständlicherweise meistens schon belegt.
Am Sonntag sollte sich dann herausstellen: Da geht noch was. Die Temperaturen legten noch einmal zu und machten aus dem Flugplatz endgültig einen ziemlich großen schwarzen Backofen.
Für uns bedeutete das Wochenende ohnehin vor allem eines: laufen, fotografieren, laufen, fotografieren und zwischendurch daran denken, ausreichend zu trinken.
Main Stage und Club Stage wollten schließlich beide bedient werden. Am Ende standen rund neun Kilometer Fußweg pro Festivaltag auf der Uhr. Macht ungefähr 18 Kilometer an einem Wochenende – wohlgemerkt ohne Wanderurlaub gebucht zu haben.
21 Bands haben wir dabei fotografiert. Dazu kamen die Modenschau und natürlich jede Menge Impressionen vom Festivalgelände und seinen Besuchern.
Also Kameras eingepackt und los.
Samstag – der erste lange Weg zwischen den Bühnen
Beyond Obsession
Den fotografischen Auftakt des Wochenendes machten Beyond Obsession auf der Club Stage.
Um 11:20 Uhr ist auf einem Festival eigentlich noch eine Uhrzeit, zu der normale Menschen über das Frühstück nachdenken. Auf dem M’era Luna steht man stattdessen bereits mit der Kamera vor der Bühne.
Beyond Obsession bekamen die Aufgabe, die Club Stage musikalisch in den Samstag zu schicken. Synthpop am Vormittag funktioniert erstaunlich gut, insbesondere wenn die ersten Besucher längst beschlossen haben, dass Ausschlafen ohnehin überbewertet wird.
Der frühe Slot bedeutete natürlich eine vergleichsweise kurze Spielzeit, trotzdem war es ein schöner Einstieg in einen verdammt langen Festivaltag. Und wer bereits morgens tanzt, muss sich später wenigstens nicht mehr aufwärmen. Wobei – Aufwärmen sollte an diesem Wochenende ohnehin kein Problem werden.
Xandria
Von der Club Stage ging es zum ersten Mal hinüber zur Main Stage und damit zu Xandria. Symphonic Metal bei strahlendem Sonnenschein hat zunächst einmal etwas Widersprüchliches. Die Musik verlangt eigentlich nach Dunkelheit, dramatischem Licht und ordentlich Atmosphäre. Das Wetter hatte allerdings andere Pläne. Musikalisch störte das wenig.
Xandria brachten bereits am Vormittag die große, opulente Seite des Metal auf die Main Stage. Gerade auf einer solchen Festivalbühne funktioniert die Verbindung aus harten Gitarren, orchestralen Elementen und mächtigem Gesang hervorragend.
Damit war spätestens jetzt klar: Das M’era Luna 2026 war endgültig eröffnet.
Tabernis
Mit Tabernis stand anschließend eine Band auf unserem fotografischen Programm. Willkommen in der mystischen Welt von Tabernis, wo alte Melodien und dunkle Atmosphären aufeinandertreffen. Wo ein rätselhaftes Duo von Imkern die Kunst der Imkerei in ein einzigartiges musikalisches Erlebnis verwandelt. Und genau solche Slots gehören für mich zu einem Festival dazu. Natürlich freut man sich auf die großen Namen und auf Bands, die man bereits mehrfach vor der Kamera hatte. Spannend wird es aber immer dann, wenn man vor einer Bühne steht und noch nicht genau weiß, was einen erwartet. Ein Festival ausschließlich mit bekannten Lieblingsbands wäre bequem.
Aber eben auch ein bisschen langweilig. Tabernis sorgten dafür, dass das an diesem Samstag nicht passierte.
Auger
Zurück zur Club Stage. Dort warteten Auger. Die britische Band bewegt sich musikalisch zwischen Dark Rock und elektronischen Einflüssen und passte damit hervorragend in das Programm des Tages. Nach den ersten härteren Tönen auf der Main Stage wurde es hier wieder dunkler und atmosphärischer. Gerade die Club Stage bietet für solche Bands einen schönen Rahmen. Alles wirkt etwas kompakter und unmittelbarer als auf der großen Main Stage und der Kontakt zwischen Band und Publikum automatisch enger.
Ein gelungener Auftritt – und für uns hieß es anschließend wieder: Kamera nehmen und zurück zur Main Stage. Die ersten Kilometer sammelten sich schneller, als einem lieb sein konnte.
Unzucht
Ein Neuanfang, an den man sich erst gewöhnen muss. Es ist für mich immer noch früh am Tag, die Sonne brennt bereits gnadenlos, und trotzdem haben sich zahlreiche Besucher mit teils gemischten Gefühlen vor der Main Stage für Unzucht eingefunden. Mir ging es nicht anders. Das aktuelle Album „Neon Dom“ mit der neuen Gesangsbesetzung kannte ich zwar bereits, doch ein Livekonzert ist noch einmal eine andere Erfahrung als das reine Hören zu Hause.
Vorab lässt sich sagen: Der Sängerwechsel hat mich persönlich emotional stark beschäftigt. Dennoch wollte ich dem neuen Sänger Timm Hindorff eine faire Chance geben.
Das Ergebnis war aufgrund dieser emotionalen Vorbelastung für mich durchwachsen.
Die Songs von „Neon Dom“ funktionieren live durchweg gut und der charakteristische Unzucht-Sound ist trotz des Wechsels erhalten geblieben. Man merkt Timm deutlich an, dass er mit vollem Einsatz bei der Sache ist. Bei den älteren Stücken der Band fällt es mir persönlich aktuell allerdings noch schwer, mich darauf einzulassen.
Eine nicht repräsentative Umfrage unter den Anwesenden vor Ort zeigte ein gespaltenes Bild. Ein Teil des Publikums empfindet die Band durch den Wechsel nicht mehr als „ihre“ Unzucht und tut sich entsprechend schwer mit der neuen Besetzung. Der andere Teil sieht den Wechsel positiv und ist froh, die Band überhaupt wieder live erleben zu können. Beide Lager waren an diesem Vormittag in vielen Gesprächen klar erkennbar, auch wenn natürlich keine wissenschaftliche Erhebung dahintersteckt.
Wie sich die Situation langfristig entwickelt, bleibt abzuwarten. Meiner Einschätzung nach wird es noch ein bis zwei weitere Alben brauchen, bis genügend neues Songmaterial vorhanden ist und die älteren Stücke im Liveset entsprechend weniger Raum einnehmen müssen. Bis dahin dürfte der direkte Vergleich zwischen alter und neuer Besetzung für einen Teil des Publikums weiterhin präsent bleiben.
Unabhängig von der persönlichen Haltung zum Bandumbruch lohnt sich ein Besuch der Band aber weiterhin. Wer Unzucht live erleben möchte, sollte sich die Termine der „Neon Dom“-Tour merken und sich selbst ein Bild davon machen, wie die Band mit der neuen Besetzung heute klingt.
Hocico
Erst Ritual, dann Abriss. Nach Unzucht wurde es elektronisch – und deutlich härter. Bevor Hocico selbst richtig loslegten, gab es allerdings erst einmal etwas zu sehen. Ein Trommler, eine Tänzerin und ein auffällig geschminkter Performer eröffneten das Set mit einer rituell anmutenden Inszenierung. Letzterer hatte ein ziemlich ungewöhnliches Instrument beziehungsweise Requisit dabei, das irgendwo zwischen Gitarre und Skateboard angesiedelt war. Was genau wir da gerade gesehen haben? Keine Ahnung was - aber es funktionierte.
Nach dieser Eröffnung verschwanden die drei Performer wieder und überließen Hocico die Bühne. Und dann gab es auf die Ohren. Hocico gehören schließlich zu den Bands, bei denen niemand lange erklären muss, was ihn erwartet. Seit Jahrzehnten steht das mexikanische Duo für kompromisslosen Electro, verzerrten Gesang, harte Beats und eine Liveenergie, die erstaunlich wenig Rücksicht darauf nimmt, ob es gerade mitten in der Nacht oder kurz vor drei Uhr nachmittags ist.
Später wurde die Show noch einmal durch zwei Tänzerinnen erweitert, die zusätzliche Bewegung auf die ohnehin alles andere als ruhige Bühne brachten. Damit bekam die Main Stage am frühen Nachmittag nicht einfach nur ein Hocico-Konzert, sondern eine komplette Inszenierung. Gerade zu dieser Uhrzeit und bei strahlendem Sonnenschein war das schon ein ziemlich schöner Kontrast. Wer bis dahin noch nicht richtig wach war, hatte anschließend jedenfalls keine Ausrede mehr.
Tyske Ludder
Nur wenige Wochen nach unserem Wiedersehen beim Lucy Fairs Garden Festival standen Tyske Ludder erneut vor unserer Kamera. Und darüber habe ich mich tatsächlich gefreut.
Die Auftritte der Band sind inzwischen nicht mehr so selbstverständlich, wie sie es vielleicht einmal waren. Umso schöner ist jede Gelegenheit, sie noch einmal live zu erleben. Seit Ende der 1980er Jahre gehören Tyske Ludder zur deutschen EBM-Geschichte. Songs wie „Canossa“ und „Panzerstaat“ sind längst Klassiker, und trotzdem wirkt ein Auftritt der Band nicht wie eine reine Nostalgieveranstaltung.
Beim kleinen, familiären Lucy Fairs Garden Festival in Busenwurth entstand noch eine ganz andere Atmosphäre. Auf der Club Stage des M’era Luna stand dieselbe Band nun vor einem erheblich größeren Publikum. Der Rahmen war ein anderer, die Wirkung aber nicht minder stark. Tyske Ludder brauchen keine überladene Inszenierung. Die Musik, die Präsenz und die jahrzehntelange Geschichte reichen vollkommen aus. Für mich erneut eines der Sets, auf das ich mich im Vorfeld besonders gefreut hatte.
Megaherz
Von EBM zurück zu Gitarren. Megaherz gehören zu den Vertretern der Neuen Deutschen Härte, bei denen bereits die ersten Takte deutlich machen, wohin die Reise geht. Druckvolle Gitarren, elektronische Elemente und deutsche Texte – kein musikalisches Rätselraten, sondern ordentlich nach vorne. Auf der Main Stage funktionierte das erwartungsgemäß hervorragend.
Inzwischen hatte sich der Festivaltag längst in die heiße Nachmittagsphase geschoben. Wer zwischen den Konzerten einen Schattenplatz ergattern konnte, durfte sich glücklich schätzen. Vor der Bühne war von Energiesparen trotzdem wenig zu merken. Megaherz sind schließlich auch keine Band für musikalische Zurückhaltung.
Diorama
Stark trotz kurzfristiger Umbesetzung. Dann wieder zurück zur Club Stage. Und dort warteten Diorama. Auf diesen Auftritt hatten wir uns gefreut – und er enttäuschte nicht. Ganz im Gegenteil: Diorama waren an diesem Nachmittag einfach richtig stark.
Dabei musste die Band kurzfristig auf Felix Marc verzichten, der krankheitsbedingt nicht dabei sein konnte. Für ihn sprang Wiegand ein. Und das muss man ausdrücklich sagen: Er vertrat Felix würdig.
Von einer Notlösung oder einem Auftritt, bei dem man ständig das Gefühl hatte, dass jemand fehlt, konnte jedenfalls keine Rede sein. Wiegand fügte sich hervorragend ein und Diorama lieferten ein Set ab, das trotz der ungeplanten Umbesetzung voll funktionierte. Dazu diese typische Mischung aus elektronischer Melancholie, Druck und Melodie, für die Diorama seit Jahren stehen.
Nach den brachialeren Auftritten zuvor war das eine andere Form von Intensität. Für uns definitiv eines der Highlights des Samstags.
Und an Felix: gute Besserung!
Combichrist
Bei Combichrist war anschließend Schluss mit der Ruhe. Die Band gehört seit Jahren zu den Acts, die elektronische Härte mit einer beinahe körperlichen Liveperformance verbinden. Heute waren sie mit ihrem Metallset am Start. Ein Combichrist-Konzert schaut man sich nicht einfach an. Es passiert vor einem.
Auf der großen Main Stage bekam die Band den notwendigen Platz dafür. Der Sound zwischen Industrial, Electro und Metal funktioniert live vor allem über Energie – und davon ist bei Combichrist traditionell reichlich vorhanden. Für unseren Fotografen sind solche Shows gleichzeitig dankbar und anstrengend: ständig Bewegung, ständig neue Motive und möglichst nicht genau in dem Moment in die falsche Richtung schauen, wenn irgendwo auf der Bühne wieder etwas passiert.
Ein kraftvoller Auftritt, der den Nachmittag endgültig hinter sich ließ und den Samstag langsam in Richtung Abend schob.
Agonoize
Abriss auf der Club Stage. Was danach bei Agonoize passierte, kann man eigentlich ziemlich kurz zusammenfassen:
Abriss.
Manchmal braucht es keine komplizierte Konzertkritik. Agonoize kamen auf die Club Stage und machten genau das, wofür man sie dort sehen wollte. Druck, harte Beats, Bewegung und eine kompromisslose Performance. Von Zurückhaltung keine Spur.
Das Publikum nahm die Einladung dankend an und entsprechend schnell entwickelte sich vor der Bühne genau diese Mischung aus Tanzen, Eskalation und kontrolliertem Chaos, die zu einem solchen Set gehört. Nach einem langen und heißen Festivaltag hätte man durchaus erwarten können, dass langsam die Kräfte schwinden - offensichtlich nicht. Agonoize traten aufs Gaspedal und die Club Stage machte einfach mit. Wer Agonoize sehen wollte, bekam Agonoize. Ohne Weichzeichner.
Und damit war eigentlich schon alles angerichtet für die nächste Band.
Nachtmahr
Druck bleibt Druck. Denn direkt danach ging es auf derselben Bühne mit Nachtmahr weiter. Nach der großen Volljährigkeitsfeier im Kulttempel im vergangenen Jahr war es spannend, Nachtmahr wieder in einem völlig anderen Rahmen zu erleben. Keine eigene Jubiläumsshow, sondern Festivalbetrieb – weniger Zeit, andere Bühne, anderes Publikum. An der grundsätzlichen Wirkung änderte das wenig. Nachtmahr waren wie gewohnt druckvoll - sehr druckvoll.
Thomas Rainer und seine Mannschaft brauchen keine lange Anlaufphase. Wenn Nachtmahr loslegen, weiß man innerhalb weniger Augenblicke, wer gerade die Bühne übernommen hat. Auch optisch gab es diesmal etwas Neues zu entdecken. Die weiblichen Mitglieder der Bühnenformation präsentierten sich in neuen Uniformen und gaben der bekannten Nachtmahr-Ästhetik damit noch einmal einen etwas veränderten Look.
Nach dem Agonoize-Abriss war das eigentlich die einzig logische Fortsetzung des Abends: nicht runterfahren, sondern einfach weiter. Die Club Stage war inzwischen endgültig im elektronischen Ausnahmezustand angekommen.
Front Line Assembly
Und dann stand da noch ein Name auf dem Timetable, der für elektronische Musikgeschichte steht: Front Line Assembly.
Seit den 1980er Jahren prägt das kanadische Projekt den Industrial- und EBM-Bereich. Entsprechend groß war der historische Kontrast zu einigen der jüngeren Bands, die man im Laufe des Wochenendes sehen konnte. Front Line Assembly müssen niemandem mehr beweisen, dass sie dazugehören. Viele der heutigen Industrial- und Electro-Acts würden ohne den Einfluss solcher Bands vermutlich anders klingen.
Auf der Club Stage wurde daraus trotzdem keine Geschichtsstunde, sondern ein Festivalauftritt, der zeigte, warum diese Musik Jahrzehnte überstanden hat. Für mich sind solche Bands auf einem Festival immer besonders spannend. Man fotografiert nicht nur einen weiteren Programmpunkt, sondern ein Stück Szenehistorie.
Within Temptation
Während Front Line Assembly die Club Stage bespielten, gehörte die Main Stage am späten Samstagabend Within Temptation. Und genau dafür ist eine große Festivalbühne gemacht. Within Temptation denken ihre Shows seit Jahren nicht klein. Symphonic Metal lebt von großen Melodien, großen Bildern und einer Stimme, die diesen Raum auch ausfüllen kann.
Sharon den Adel und ihre Mitstreiter bekamen dafür beim M’era Luna den passenden Rahmen. Nach einem langen Tag mit einem wilden Wechsel zwischen Synthpop, EBM, Industrial, Dark Rock und Neuer Deutscher Härte wirkte der Headliner wie der bewusst gesetzte große Schlusspunkt.
Die inzwischen eingetretene Dunkelheit tat ihr Übriges. Was bei Xandria am Vormittag noch gegen die Sommersonne antreten musste, konnte jetzt seine volle optische Wirkung entfalten. Ein würdiger Abschluss des ersten Festivaltages.
Rund neun Kilometer standen am Ende des Tages auf unserer Uhr. Füße und Rücken hatten also bereits eine Meinung zum M’era Luna 2026 entwickelt. Und es lag noch ein kompletter Sonntag vor uns.
Sonntag – noch heißer geht immer
Wer am Samstag gedacht hatte, es sei heiß gewesen, wurde am Sonntag eines Besseren belehrt.
Die Sonne legte noch einmal nach.
Schattenplätze waren entsprechend begehrt und, sobald man einen entdeckte, meistens bereits besetzt. Also blieb nur die bewährte Festivalstrategie: trinken, Sonnencreme, vernünftig mit den eigenen Kräften umgehen – und weiter.
Denn auf der Club Stage wartete bereits der musikalische Wecker.
SynthAttack
Guten Morgen, Hildesheim! 11:20 Uhr. Sonntagmorgen. Andere Menschen trinken um diese Zeit gemütlich Kaffee. Wir hatten SynthAttack.
Und Kaffee war danach eigentlich nicht mehr notwendig. Vom ersten Moment an gab es volle Power zum Wachwerden. Keine lange Anlaufphase, kein vorsichtiges Herantasten an den zweiten Festivaltag – einfach elektronische Breitseite und los. Genau das war zu dieser Uhrzeit erstaunlich herrlich.
Während der Körper nach dem Samstag vielleicht noch der Meinung war, dass ein bisschen Ruhe durchaus eine gute Idee wäre, hatte SynthAttack andere Pläne.
Die Club Stage war jedenfalls wach - und wir auch. Und das war wichtig, denn direkt danach sollte die morgendliche Elektroparty erst richtig beginnen.
Eisenfunk
Elektroparty statt Sonntagsfrühstück. Eisenfunk am frühen Sonntagmorgen waren einfach herrlich. Mehr muss man eigentlich gar nicht sagen. Aber wir tun es natürlich trotzdem. Was dort auf der Club Stage passierte, war Elektroparty pur.
Für viele dürfte allein der Name Eisenfunk Erinnerungen an eine Zeit wecken, in der „Pong“ praktisch auf keiner entsprechenden Tanzfläche fehlen durfte. Natürlich spielt Nostalgie dabei eine Rolle. Aber dieser Auftritt lebte nicht davon, dass alle nur verklärt an früher dachten.
Die Musik funktioniert noch immer und zwar verdammt gut. Nach SynthAttack war das die perfekte Fortsetzung. Erst einmal mit voller elektronischer Breitseite wachgerüttelt werden und danach direkt weiterfeiern.
Andere Menschen hatten zu dieser Uhrzeit vielleicht gerade ihr zweites Brötchen. Wir hatten Eisenfunk.
Eindeutig die bessere Entscheidung.
Neuroticfish
Lieblingsband bleibt Lieblingsband. Auf manche Bands freut man sich. Und auf manche Bands freut man sich eben ein bisschen mehr. Neuroticfish gehören für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Eine meiner Lieblingsbands auf dem M’era Luna vor der Kamera zu haben, ist natürlich immer etwas Besonderes – egal, wie oft man sie inzwischen gesehen hat. Und Sascha war an diesem Nachmittag richtig gut drauf. Das merkte man dem gesamten Auftritt an. Gute Laune auf der Bühne überträgt sich schließlich ziemlich schnell auf die Menschen davor, insbesondere wenn die Songs ohnehin längst sitzen.
Neuroticfish schaffen seit Jahren diesen besonderen Spagat: Man kann zu der Musik hervorragend tanzen, gleichzeitig steckt hinter vielen Songs deutlich mehr, wenn man genauer hinhört. Aber an diesem Nachmittag musste man gar nicht groß analysieren. Einfach hinstellen, zuhören, tanzen und sich darüber freuen, dass Sascha offensichtlich genauso viel Spaß an der Sache hatte wie wir davor.
Manchmal ist ein Festivalbericht nämlich ganz einfach: Lieblingsband - Sänger bestens aufgelegt - wir glücklich. Passt.
Aesthetic Perfection
Danach durfte es wieder eine Nummer extrovertierter werden.
Aesthetic Perfection sind mittlerweile kaum noch sinnvoll in eine einzige musikalische Schublade zu stecken. Daniel Graves hat sein Projekt über die Jahre immer wieder verändert, elektronische Härte mit Pop, Industrial und anderen Einflüssen verbunden und dabei offenbar wenig Interesse daran gezeigt, Erwartungen einfach nur zu erfüllen.
Live funktioniert genau diese Haltung besonders gut.
Aesthetic Perfection wirken nicht wie eine Band, die ihr Studiomaterial lediglich auf einer Bühne reproduziert. Die Show ist Teil des Gesamtpakets – körperlich, direkt und mit einer Präsenz, bei der Stillstehen ohnehin keine ernsthafte Option ist.
Nach Neuroticfish war das ein deutlicher Stilwechsel und gleichzeitig einer der Auftritte, bei denen die Club Stage ihre Stärken voll ausspielen konnte.
Die Krupps
Ein Ersatz, der keiner war. Eigentlich hätten an dieser Stelle KMFDM auf der Club Stage stehen sollen. Nach deren Absage sprangen Die Krupps ein. Ein Ersatz?Auf dem Papier vielleicht. Auf der Bühne ganz sicher nicht.
Und der Auftritt hatte noch eine Besonderheit: Die Krupps standen wieder in einer alten, vertrauten Formation auf der Bühne. Gitarrist Lee Altus ist zurück – und allein das dürfte bei einigen langjährigen Fans für zusätzliche Freude gesorgt haben.
Die Krupps gehören schließlich nicht einfach zu den älteren Bands des Line-ups. Sie gehören zu den Formationen, ohne die sich die Geschichte von EBM und Industrial in Deutschland kaum erzählen lässt. Seit mehr als vier Jahrzehnten verbindet die Band elektronische Elemente mit metallischer Härte. Was später für zahlreiche Acts selbstverständlich wurde, haben Die Krupps bereits gemacht, als manche der heutigen Festivalbesucher noch gar nicht geboren waren. Umso schöner war es, die Band 2026 wieder in dieser Konstellation zu erleben.
Und das Entscheidende: Live wirkt das alles nicht wie Museumsbetrieb oder eine Band, die nur von ihrer Vergangenheit lebt. Die Krupps haben noch immer genügend Druck, um auch ein heutiges Festivalpublikum problemlos zu erreichen.
Gerade mit der Rückkehr von Lee Altus bekam dieser Auftritt zusätzlich etwas Besonderes. Vergangenheit und Gegenwart der Szene standen hier nicht nebeneinander – sie gingen ineinander über.
KMFDM waren ursprünglich angekündigt. Bekommen haben wir Die Krupps in einer Formation, über die sich viele alte Fans vermutlich ganz besonders gefreut haben. Damit kann man als kurzfristigen Ersatz ziemlich gut leben.
OMD
Ein Stück Musikgeschichte auf der Main Stage. Danach wurde es auf der Main Stage britisch – und legendär. Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD, gehören zu den Bands, deren Einfluss weit über die schwarze Szene hinausreicht. Seit Ende der 1970er Jahre haben sie elektronische Popmusik entscheidend mitgeprägt. Und dann steht man 2026 auf einem Flugplatz in Hildesheim und kann diese Band noch immer live erleben.
Das ist schon etwas Besonderes.
Zwischen all der Härte, den Gitarren, verzerrten Stimmen und martialischen Beats des Wochenendes bot OMD einen vollkommen anderen Zugang zu elektronischer Musik. Melodien und Songs, die teilweise seit Jahrzehnten Menschen begleiten, brauchen keine künstliche Härte, um auf einer großen Bühne zu funktionieren. Für einen Moment wurde aus dem M’era Luna beinahe eine Reise durch die Geschichte elektronischer Popmusik. Und genau diese musikalische Bandbreite ist eine der großen Stärken des Festivals.
Saltatio Mortis
Das große Finale. Es gibt Festival-Slots, die man einfach nicht verschenken darf – und der letzte Abend des M’era Luna 2026 war so ein Moment. Als letzte Band des gesamten Wochenendes betraten Saltatio Mortis die Bühne, und von der ersten Sekunde an war klar: Hier wird nichts mehr dem Zufall überlassen. Volle Power, volle Bühne, volles Herzblut.
Mit „We Might Be Giants“ setzte die Band sofort ein Ausrufezeichen, bevor „Wo sind die Clowns?“ nachlegte und die Menge endgültig aus der Reserve lockte. Zwischen den Songs blieb immer wieder Raum für ein paar Worte an das Publikum – genau die Mischung aus Spektakel und Nahbarkeit, die Saltatio Mortis so besonders macht. Mit „Loki“ und „Finsterwacht“ ging die musikalische Reise mythologisch weiter, bevor ein kleiner Werbeblock in eigener Sache folgte: Der bandeigene Skaldenmet wurde gefeiert und Sänger Alea brachte die Massen dazu, im Chor „Skål!“ zu brüllen.
Ein Festival, ein Trinkspruch, ein Moment kollektiver Ekstase. Dann kam „Heimdall“ – und mit ihm die Temperatur, die endgültig ins Uferlose kippte. Alea, längst warmgespielt, zog sich obenrum aus und ließ sich, moderierend und offensichtlich in seinem Element, auf einem Drachenboot vom Publikum durch die Menge tragen.
Starker Wellengang, kräftiges Durchschütteln – die Crowd nahm ihren Frontmann förmlich in Besitz. Klar, dass eine Aktion dieser Größenordnung nur für einen einzigen Song reichte: „My Mother Told Me“ wurde zum Soundtrack dieses völlig durchgedrehten Moments. Kaum wieder an Land, ging es ohne Umschweife direkt in „Valhalla Calling“ über – Gänsehaut inklusive.
Es folgten „Ich habe keine Angst“ und „Ich schrei deinen Namen in die Nacht“, zwei Songs, die textlich und energetisch noch einmal eine Schippe drauflegten. In der nächsten Moderation blickte die Band auf sage und schreibe 26 Jahre Bandgeschichte zurück – ein Moment, der zeigte, wie sehr Saltatio Mortis über die Jahre zur festen Institution der Szene geworden sind. Mit „Tanz der 1000 Klingen“ ging die Post weiter ab, und passend zum sommerlichen Festivalwetter durfte natürlich „Prometheus“ nicht fehlen.
Danach wurde es strategisch: Die Band bereitete das Publikum gezielt auf einen Circle Pit vor und als die ersten Töne von „Vogelfrei“ erklangen, explodierte der Innenraum förmlich. Chaos, Freude, pure Energie – genau dafür lebt man solche Konzertmomente.
Weiter ging es mit „Keine Regeln“ und „Für immer jung“, bevor Alea in der letzten Moderation des Abends ausgiebig und sichtlich gerührt dem Publikum dankte. Den krönenden Abschluss bildete schließlich „Spielmannsschwur“ – ein Song, der wie gemacht schien, um dieses intensive, verschwitzte und unvergessliche M’era Luna 2026 zu beenden. Was für ein Finale.
Saltatio Mortis lieferten nicht einfach nur ein Konzert ab. Sie zelebrierten eine komplette Show mit allem, was dazugehört: Bühnenpräsenz, Humor, Interaktion und diese unverwechselbare Mischung aus Mittelalter-Härte und Festival-Euphorie. Wer an diesem Abend vor der Bühne stand, wird sich noch lange an das Drachenboot, den Circle Pit und den kollektiven „Skål!“-Ruf erinnern.
Ein würdiger und energiegeladener Abschluss für ein rundum gelungenes M’era Luna 2026.
Impressionen – ihr seid das M’era Luna
Was wäre ein Festival ohne die Menschen, die es zu etwas Besonderem machen? Gerade beim M’era Luna lautet die Antwort vermutlich: nur halb so interessant. Denn so wichtig das Line-up auch ist, das Festival lebt mindestens genauso sehr von seinen Besuchern. Von aufwendig gestalteten Outfits, spontanen Begegnungen, alten Bekannten und Menschen, die man vielleicht nur einmal im Jahr genau hier wiedertrifft.
Deshalb gehören für uns die Impressionen genauso zur Festivalfotografie wie die Bilder aus dem Fotograben. Zwischen den Bühnen, auf dem Gelände, am Mittelaltermarkt oder bei einer der seltenen Gelegenheiten, tatsächlich einen freien Schattenplatz zu entdecken, gab es auch 2026 wieder unzählige Motive. Mal aufwendig inszeniert, mal vollkommen spontan.
Und genau diese Bilder erzählen am Ende oft mindestens genauso viel über ein Festival wie die Aufnahmen der großen Headliner. Was wäre ein Festival ohne seine Besucher, die es zu etwas Besonderem machen? Schön, dass es euch gibt.
Modenschau – Schwarz ist eben nicht gleich Schwarz
Das M’era Luna besteht glücklicherweise nicht ausschließlich aus Konzerten. Die Modenschau gehört inzwischen genauso zum Festivalwochenende wie schwarze Stiefel, Sonnencreme und die Frage, warum man eigentlich schon wieder so viel Geld am Merchstand gelassen hat. Auch 2026 zeigte sich dabei, wie vielfältig Mode innerhalb der schwarzen Szene sein kann. Zwischen opulenten Entwürfen, düsteren Silhouetten und ausgefallenen Details wurde schnell deutlich: Wer bei „schwarzer Kleidung“ nur an ein schwarzes T-Shirt denkt, hat hier eindeutig Nachholbedarf.
Für uns bedeutete die Modenschau gleichzeitig einen willkommenen fotografischen Wechsel.
Nach unzähligen Konzerten, schnellen Bewegungen und den üblichen ersten drei Songs im Fotograben kann man hier Motive einmal vollkommen anders angehen. Und natürlich landete auch dieser Teil des Festivals entsprechend ausführlich auf unseren Speicherkarten.
Zwei Tage, 21 Bands und ungefähr 18 Kilometer später
Und damit endete unser M’era Luna 2026. 21 Bands haben wir an diesem Wochenende fotografiert. Dazu kamen die Modenschau und zahlreiche Impressionen.
Musikalisch hätte die Spannweite kaum größer sein können: von OMD und Front Line Assembly als prägenden Namen elektronischer Musikgeschichte über Tyske Ludder, Die Krupps und Neuroticfish bis zu Aesthetic Perfection, Agonoize, Hocico und SynthAttack. Dazu Gitarren von Megaherz und Combichrist, große Bilder bei Xandria und Within Temptation und schließlich Saltatio Mortis als endgültiger Schlusspunkt. Und irgendwo dazwischen standen wir mit unseren Kameras. Oder liefen - vor allem liefen wir.
Rund neun Kilometer am Samstag und noch einmal ungefähr neun Kilometer am Sonntag kamen durch die ständigen Wechsel zwischen Main Stage und Club Stage zusammen. 18 Kilometer Festivalfotografie zu Fuß. Bei Temperaturen, die bereits am Samstag ordentlich waren und am Sonntag noch einmal eine Schippe drauflegten. Schattenplätze waren rar beziehungsweise meistens längst von Menschen besetzt, die offensichtlich schneller gewesen waren als wir.
Am Ende wusste man jedenfalls ziemlich genau, was man an diesem Wochenende gemacht hatte. Aber genau deshalb fahren wir immer wieder nach Hildesheim. Natürlich wegen der Bands. Natürlich wegen der Fotos. Aber mindestens genauso wegen der Menschen, der Begegnungen und dieses etwas merkwürdigen Gefühls, für ein Wochenende gemeinsam eine kleine schwarze Stadt auf einem Flugplatz entstehen zu lassen.
Nach zwei Tagen tun die Füße weh, die Kameras dürfen endlich in die Taschen, die Speicherkarten sind voll und zu Hause wartet eine Bildermenge, bei der man sich kurz fragt, warum man sich das eigentlich jedes Jahr wieder antut. Dann öffnet man die ersten Fotos. Und die Frage hat sich erledigt.
Das war das M’era Luna 2026.
Und nach dem M’era Luna ist bekanntlich vor dem M’era Luna: 2027 geht es in Hildesheim weiter. Sobald die ersten Bands und Neuigkeiten feststehen, findet ihr sie natürlich wieder in unserer Ankündigung auf Pixel.ruhr.
M’era Luna 2027 – Ankündigung auf Pixel.ruhr
Wer jetzt schon weiß, dass er wieder dabei sein möchte, findet Tickets und alle offiziellen Informationen direkt beim M’era Luna.
Wir sehen uns 2027 in Hildesheim.
M’era Luna 2027 – Ankündigung auf Pixel.ruhr
Wer jetzt schon weiß, dass er wieder dabei sein möchte, findet Tickets und alle offiziellen Informationen direkt beim M’era Luna.
Wir sehen uns 2027 in Hildesheim.
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